Bad Oberwil: Tuchfärber entdeckt Heilquelle
Der Tuchfärber zu Oberwil bei Büren, vermutlich hat er Ramser geheissen, hatte zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn insofern Pech, als sich das Wasser des Bächleins, das an seiner Liegenschaft vorbeifloss , nicht zum Ansetzen von Indigofarben eignete. Da es aber im Jahre 1828 noch keine Hauswasserversorgungen gab, hätte er entweder sein Haus verkaufen und weiterziehen oder ein Leben lang das nötige Wasser vom nahen Dorf herbeiführen oder gar tragen müssen. Beides schienihm wohl streng, und er entschloss sich, das zu tun, was drunten in der Ebene jeder tun musste, einen eigenen Sodbrunnen graben. Gedacht - getan!
Schon in 15 Schuh Tiefe stiess er auf eine Wasserader, die aus einer mergeligen Schicht entsprang, aber nicht ganz sauberes Wasser lieferte. Das würde sich mit der Zeit schon geben, tröstete er sich. Zu seinem Leidwesen kam diese Zeit nie. Das Wasser eignete sich überhaupt nicht zum Färben, noch weniger als jenes im Bächlein. Es war leicht trübe, flockig bläulich, von merkbarem Geruch, aber ohne Geschmack. In einem Glasgefäss aufbewahrt, setzte sich noch bald einmal ein ockerfarbenes Sediment nieder, selbst wennman es unter Luftabschluss hielt. Nach dreimaliger Wäsche wurde Weisszeug ohneFarbzusatz rot, das Wasser enthielt also Eisen.
Wir können uns den armen Tuchfärber gut vorstellen, wie er nachts sich wälzte, fast verworgelte an seiner Täubi und sich nicht abfinden konnte mit dem bittern Fehlschlag, Jetzt musste er halt weiter das Wasser im Dorfe holen, wie mühsam es ihn auch ankam, wie die Zeit ihn reute, bis der erlösende Funke zündete in seinem Gehirn: Wer weiss, vielleicht liess sich das Wasser anderweitig gut verwerten?
Am nächsten Bielmärit nahm er eine saubere Guttere voll der gefundenen Flüssigkeitmit zu Apotheker Moser in Biel. Dieser versprach, die Analyse unverzüglich an die Hand zu nehmen.Am festgesetzten Tage wurde dem Färber erläutert, dass die Quelle zu den erdigen Eisenwässern gerechnet werden könne, welche überdies noch salzsaures Kali enthalte. Kein Wunder, Witzelte der Apotheker, dass sich das Wasser für seinen Beruf nicht eigne, man hätte es viel eher in einem Heilbad für Gsüchtichnüderen verwenden können.
Auf dem Heimweg sinnierte unser schwer enttäuschter Färber gar mancherlei, haderte mit dem Schicksal, das ihm so gar keinen Erfolg gönne, blieb dann aber mit seinen Gedanken am letzten, vom Apotheker wohl eher humoristisch gemeinten Trost hängen: Ein Bad, ein Heilbad mit Wirtschaft, ein Fressbädli, wie sie öppe zäntume im Betrieb sind und einen schönen Batzen abwerfen! Diesen Strich läuft scheints der Hase!Gäb wie die Frau wäffelte, es wäre jetzt wohl bald genug des unnützen Geläufs, sie hülfe wieder mit der Arbeit fortfahren, wenn sie auch mühsam sei, so habe sie noch immer ihre Batzen eingetragen, unser Färber fand keine Ruhe daheim. Er habe gar cheibisch Mühe gehabt mit dem Kreuzweh gestern und sich entschlossen, öppis dagegen zu tun, Gelegenheit sei ja in der Nähe vorhanden.
Damit zottelte er nach dem Mittagessen in der bessern Anlegi Richtung Büren davon. Grad sehr weit zu gehen hatte er nicht im Sinn, nur bis zum Moosbad bei Büren, dort würde er sicher alles Vernehmen können, was einen zukünftigen Badwirt interessierte, ohne den Leuten seine Absichten auf die Nase binden zu müssen.Am späten Abend auf dem Strohsack eröffnete er sich seiner Eheliebsten, rapportierte den Bericht des Apothekers, erzählte der Ungläubigen von der Einrichtung im Moosbad, Wo im Erdgeschoss neben der Wohnung des Wirtes und der Gaststube noch vier mit gebrannten Kaminsteinen ausgelegte Badekammern vorhanden seien, jede mit vier hölzernen Badekästen (Badewannen), in welchen Männlein und Weiblein ohne viel Schämdi voreinander badeten, ja sich sogar ein Brett über die Kastenrinder legen und sich ein Zimis darauf servieren lassen. «Lue Frou, die Lüt hei meischtens Gäld und lö öppis lo flädere, we sie ihrer Bräschten uskure. U vo däm Gäld wei mir ou, mir hei jo ds Wasser!» Bis es so weit war, floss noch viel Wasser die Aare hinab, zu Dutzenden hieltenLäufe und Gänge den Färber von seinem Handwerk ab.
Endlich aber kam doch der grosse Tag, der ihm die hochobrigkeitliche Erlaubnis gab zum Bau des erträumten Fressbädleins.Im Staatsarchiv Bern finden wir im Dekr. Buch 21/2 die Bad-Wirtschaftskonzessionvom 29. November 1830:«Dass wir dem Niklaus Ramser, Färbermeister zu Oberwyl bei Büren auf sein geziemendes Nachwerben und nach Erdauerung des von Unserm Oberamte zu Büren über dieses Ansuchen erstatteten Bericht, so wie der dagegen eingelangten Opposition auf den Vortrag Unseres Justiz- und Polizei Raths, da letztere unerheblich erfunden wurden, eine Bad-Conzession zu Benutzung derihm zu obgenanntem Oberwyl zugehörenden Heilquelle erteilt unter der Bedingung, dass dieselbe nur während den Sommermonaten, nemlich vom 1 .Mai bis und mit 16. Oktober gewärmt werde und es ihm auch nur während dieser Zeit gestattet sei, die Gäste, für deren anständige Beherbergung er gehörig zu sorgen hat, mit Speise und Trank zu bewirten, in dem Verstand, dass ihm hieraus kein Tavernen- oder Pintenschenkrecht für die übrige Zeit des jahres zuwachsen solle und auf die Vergünstigung der Tanzsonntage soll er keinen Anspruch machen können.
Alles unter dern Vorbehalt, dass der Inhaber dieser Bad-Conzession davon jährlich 12 Franken zu Unseren Handen in die Schaffnerei des Oberamtes Büren und zwar das erste Mal auf Andreastag (30.November) 1831 geflissentlich entrichte und der Verordnung vom 17. und 21. Sept. 1804 über die Wirtschaften in allen Teilen nachkomme»
Offiziell hätte der neugebackene Badwirt jetzt rnit dem Bau der Badewirtschaft beginnen können. Gewisse Formulierungen in den Akten lassen aber mit aller Sicherheit erkennen, dass die Bauarbeiten, mit dem Risiko, abgewiesen zu werden und alles zu verspielen, - schon viel früher begonnen worden waren und man jetzt in kürzester Zeit die ersten Gäste empfangen konnte.
Wir verzichten darauf, das neue Gebäude und seine Einrichtungen selber zu beschreiben. Das hat ein zeitgenössischer Fachmann, Herr Dr. F. W. Gohl, Arzt, Aarberg, in seinem Buche über dieHeilquellen und Badeanstalten des Kantons Bern schon vor mehr als 100 Jahren viel besser getan:«Die Anstalt besteht aus einem einzigen, kleinen, aus Riegwänden aufgeführten Gebäude und enthält im Erdgeschoss ein Wirtschafts- und Nebenzimmer und 6 Badekammern zu zwei Badewannen, die hinlänglich bequem und heiter sind, um bescheidenen Wünschen zu genügen. Das auf dem Erdgeschoss befindliche Stockwerk enthält einige Zimmer für Badegäste, die aber bei wachsender Zahl im Gasthaus des nahen Dorfes Oberwyl ihre Zuflucht nehmen müssen.Die Mineralquelle ist vom Hause überbaut und befindet sich unter dem Fussboden des Nebenzimmers der Gaststube, ist mit Holz eingefasst und fliesst zu einem in der Mitte des Hauses befindlichen, wie ein gewähnlicher Sod aufgemauerter Sammler, aus welchem es durch eine Pumpe in den dabei befindlichen kupfernen und mit einem hölzernen, kufenartigen Aufsatz versehenenWärmekessel und von diesem zu den Badekästen gelangt.Wie in mancher andern einheimischen Badeanstalt ist auch hier keine feste Badeordnung eingeführt.
Es herrscht hierin völlige Freiheit, wie in der übrigen Lebensweise, die sich jeder Badegast nach Belieben festsetzen und ordnen kann. Anlagen und Einrichtungen zu einem bequemen und angenehmen Aufenthalt liegen noch in den Wünschen der Kurgäste, die für die nötige Bewegung bei günstigem Wetter auf den öffentlichen Fahrweg, bei ungünstigemauf das Wohnzimmer gewiesen sind.» Das neue Oberwilbad muss also vorerst eher eine recht einfache, um nicht zu sagen ärmliche Angelegenheit gewesen sein.
Aber es florierte, wobei wir dahingestellt lassen wollen, was mehr zur Berühmtheit beitrug, das vorzügliche Essen, das freie Leben oder die Heilwirkung des Wassers. Uns interessiert vor allem das Urteil des medizinischen Fachmannes über die beobachteten Heilwirkurıgen des Oberwiler Badewassers.
Dr. Gohl äussert sich darüber wie folgt:«Sowohl Analyse als Erfahrungen sprechen für die Heilwirkungen der Quelle, die im allgemeinen gelinde stärkend, umstimmend und harntreibend sind und die in folgenden Zuständen empfohlen und angewendet wird In verschiedenen nässenden Hautausschlägen, wie Flechten, schlaffen Fussgeschwüren, Störungen der Funktionen des Hautorganes, rheumatischen und gichtischen Affektionen der Gliedmassen, Lähmungen, in geringeren Graden der Bleichsucht, besonders, wenn solche mit Schleimflüssen verbunden sind, Stropfelsucht, Verdauungsbeschwerden, die auf allgemeiner und örtlicher Schwäche beruhen und die durch die anregende Kraft des Eisens gehobenwird, Sodbrennen, Magenkrämpfen.» Es wäre fast ein wenig weltfremd, wollten wir nicht auch mit einigen Worten des damaligen Oberwilbades als Wirtschaft gedenken.
Der Badwirt wurde durch die Konzessionsbedingungen insofern über Gebühr geringgelt, als ihm die jeder Wirtschaft zustehenden 6 Tanzsonntage nicht bewilligt wurden. Je nach Statthalter = Oberamtmann) wurde die Bestimmung aber mehr oder weniger streng angewandt, d. h. der eine Oberamtmann gewährte ihm ohne weiteres alle 6 Tanzsonntage,der nächste war vielleicht etwas zurückhaltender, der dritte gar vollständig buchstabengläubig. Bis ins Jahr 1860 finden sich immer wieder abgewiesene Gesuche um Weglassung der allzustrengen Bedingung.
Am 10. September 1860 wird endlich dem Jakob Ramser, Badwirt zu Oberwil, auf sein neues Gesuch hin die Erteilung des Tavernenrechts und die Aufhebung der Konzessionsbestimmung betreffend Tanzsonntage bewilligt.In unsern Akten findet sich ein gedruckter Aufruf «An die Leidenden und Badefreunde» vom Mai 1938, welcher damals im Einzugsgebiet an alle Haushaltungen erteilt wurde. Wir entnehmen daraus, dass man vor dem 2. Weltkriege vom Mai bis Oktober jeden Tag baden konnte, während für die kalte Jahreszeit Voranmeldung nötig war.